Gefahren und Risiken des hormonellen Schadstoffs

Anfang 2015 hat die EFSA eine Neubewertung von BPA veröffentlicht einer der Absenkung des Wertes um eigentlich zehnfache, auf vier Mikrogramm je Kilogramm Körpergewicht. Vernünftig der Umsetzung des seit Juli 2007 gültigen neuen Chemikaliengesetzes REACH fordert der BUND ein Verbot des Stoffes für alle Anwendungsbereiche, für die sicherere Alternativen vorhanden sind. Im Juli 2016 beschloss der Regelungsausschuss der EU-Kommission ein Verbot von BPA in Thermopapier, das allerdings erst 2020 in Kraft treten wird. Am 4. Februar 2016 hat der REACH-Ausschuss für eine Einstufung von Bisphenol A als reproduktionstoxisch der Kategorie 1B gestimmt. Sowie krebserregende oder erbgutverändernde Stoffe der Kategorie 1, könnte BPA somit nach Artikel 57(a) der EU-Chemikalienverordnung REACH in die „Kandidatenliste“ für besonders besorgniser­regenden Stoffe aufgenommen werden. Die neue Einstufung von BPA als besonders besorgniserregender Stoff der Kategorie 1B wird am 1. März 2018 in Kraft treten. Zwei von drei Lebensmittel-Konserven sind mit dem hormonellen Schadstoff Bisphenol A (BPA) belastet. Das ist das alarmierende Ergebnis einer von sechs Umwelt- und Verbraucherschutz-Organisationen in den USA veranlassten Untersuchung. Konservennahrung ist die BPA- Hauptbelastungsquelle für den Menschen. Ähnliche Ergebnisse zeigte eine Stichprobe des BUND. Untersucht wurden Konserven mit Thunfisch, Tomaten, Kokosmilch sowie Mais und Sauerkraut. Das Ergebnis ist erschreckend: knapp 74 Prozent der untersuchten Lebensmittelproben waren belastet. Der BUND hat die gesundheitsschädliche Chemikalie in häufig konsumierten Thunfisch-, Tomaten- und Kokosmilchkonserven aus den Regalen der großen Handelsketten Lidl, Rewe, Aldi, Edeka, Netto und Penny nachgewiesen. Japan hat vorgemacht, dass es anders geht: Dort hat die Industrie auf Warnungen der Gesundheitsbehörde reagiert und bietet seit 20 Jahren BPA-freie Konserven an. Und in Frankreich gilt seit Januar 2015 ein nationales Verbot für BPA in allen Materialien, die mit Lebensmitteln in Berührung kommen.

Doch wird das Doktern an Symptomen ausreichen, grob gesagt Riffe zu retten?

Die Herausforderungen der Ozeankrise sind inzwischen global, die Lösungsansätze oftmals nur lokal. Geht es nicht unbedingt zutreffen? Ein 22-jähriger Niederländer will ein weiteres Ozeanproblem wo wir schon mal dabei sind lösen. Boyan Slat plant, die Meere vom Plastikmüll zu befreien. Das Großraumbüro der Firma „Ocean Cleanup“ liegt im 18. Stock eines grauen Hochhauses in Delft, Südholland. An den Wänden hängen alte Schulkarten mit den Strömungsmustern der Ozeane. Deren Decke baumeln Lampen in Quallenform. Eine Glaswand trennt ein kleines Labor ab. Wer es betritt, riecht Algen, Fisch und Meer. Laborantinnen sortieren dort Plastikfragmente in kleine Schalen aus Alu. Auf größeren Tabletts liegen die Deckel von Plastikflaschen. Alte Taue und Netze stapeln sich in einer Ecke. Boyan Slat ist ein langhaariger Studienabbrecher, der eigentlich Raketeningenieur werden wollte. Stattdessen gründete er Ocean Cleanup. Seine Mitarbeiter nennen ihn „inspiring genius guy“, das inspirierende Genie. Slat träumt von einer Müllabfuhr für die Meere.

BPA auch in Lebensmitteln

Dennoch fordert Kannan weitere Studien, denn angesichts anderer Fundorte – etwa in Lebensmitteln – sei eine höhere Exposition durchaus möglich. Auf der Suche nach adäquatem Ersatz haben einige Hersteller der Bisphenolfamilie den Rücken zugekehrt. 2007 entwickelte die Eastman Chemical Company einen neuen hitzebeständigen, transparenten Kunststoff namens Tritan für Produkte, mit denen Kleinkinder in Berührung kommen zum Beispiel Babyflaschen. Seitdem ersetzt der BPA-freie Kunststoff das alte BPA-haltige Polycarbonat in zahlreichen Wasserflaschen, Lebensmittelbehältern und Kinderbechern. Eastman zufolge bestätigen Testergebnisse – erhoben durch Thomas Osimitz und seinen Kollegen vom Beratungsunternehmen Science Strategies in Charlottesville, US-Bundesstaat Virginia -, dass die Monomere im Tritan nicht an Östrogen- oder Androgenrezeptoren binden. 2011 berichtete George Bittner deren University of Texas in Austin, dass 92 Prozent der 102 im Handel erhältlichen Kunststoffprodukte Chemikalien mit östrogener Wirkung freisetzen. Darunter auch Kunststoffe, die als BPA-frei beworben wurden. Der Grund, so der Neurobiologe und Geschäftsführer der Firma CertiChem für chemische Analysen: Zusatzmittel in Kunststoffen wie Stabilisatoren und Schmierstoffe können auch an Östrogenrezeptoren binden, genauso einige der Kunststoffmonomere selbst. Von Eastman hergestellte Tritanharze waren unter jenen Polymeren, die in Bittners Analysen eine östrogene Wirkung zeigten.

Supermarktkassen und Kartenautomaten spucken sie pausenlos aus

Kassenzettel, Fahrscheine und Belege aller Art. Viele ihrer werden auf so genanntem Thermopapier ausgedruckt. Und sind mit einer speziellen Chemikalie beschichtet, die sich bei hohen Temperaturen dunkel verfärbt. Das ist im Alltag praktisch – aber auch riskant. Kritiker bringen die Substanz mit Schäden bei der Gehirnentwicklung von Ungeborenen und Kleinkindern in Zusammenhang. Auch könne sie bei Männern zu Unfruchtbarkeit führen, Herz- und Krebserkrankungen auslösen. Da die Beschichtung aus Bisphenol A hierbei Papier unstabil verbunden ist, kann der Stoff bei Berührung leicht percutan aufgenommen werden – und sich im Körper anreichern. Jüngst hat die EU Biosphenol A als „besonders besorgniserregend“ eingestuft. Doch ein EU-weites Verbot für Bisphenol A-haltige Thermopapiere wird erst 2020 Gesetzeskraft erlangen. Bis nachher ist Vorsicht geboten: Zwar sind schon etliche Unternehmen auf Bisphenol A-freie Alternativen umgestiegen, darunter alle Unternehmen der Rewe Group, Edeka, Aldi, denn’s Bio-Märkte und die dm-Drogeriemärkte.

Welche Gesundheitsprobleme können die Substanzen auslösen?

Endokrine Disruptoren werden laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation mit einer großen Reihe von Krankheiten in Verbindung gebracht. Dazu zählen Brustkrebs, Diabetes, Asthma, Alzheimer, Parkinson, ADHS und Autoimmunerkrankungen. Zusätzlich deuten Studien darauf hin, dass sie Übergewicht und Bluthochdruck begünstigen sowie ein früheres Einsetzen der Pubertät auslösen können. Diverse Probleme, die mit Störungen des Hormonhaushalts zusammenhängen, treten heute in vielen Ländern häufiger auf als früher, schreibt die WHO. Dazu zählen laut dem Bericht schlechte Samenqualität bei Männern, Fehlbildungen an den Geschlechtsorganen bei neugeborenen Jungen, hormonabhängige Krebsformen und Fehl- oder Frühgeburten. Ob der vermehrte Einsatz der Chemikalien dies verursacht, ist allerdings nicht belegt – und auch nicht leicht nachzuweisen. Dazu stoßen die negativen Effekte, die die Substanzen auf Wildtiere haben können. Für Fische können etwa die in Antibabypillen enthaltenen, von Frauen damit Urin ausgeschiedenen und in Kläranlagen nicht herausgefilterten Hormone verheerend sein: indem sie dafür sorge tragen, dass Bestände verweiblichen.

Allgegenwärtig – Plastikgrundstoff Bisphenol A

Da ist der allgegenwärtige Plastikgrundstoff Bisphenol A, das Herbizid Glyphosat oder das jüngst in Eiern nachgewiesene Biozid Fibronil. Insgesamt, so schätzt Kolossa, seien derzeit etwa 140.000 verschiedene Chemikalien aufm Markt. Viele davon landen im Organismus. Die müssen darauf geprüft werden, ob sie die Gesundheit gefährden können – sowohl einzeln als auch in möglichen Kombinationen. Für manche Einzelstoffe zeigen Langzeitreihen durchaus erfreuliche Trends: „Es gibt viele Probleme gelöst“, sagt Andreas Gies, Leiter der UBA-Abteilung „Umwelthygiene“. Beispiel Blei: Bei Menschen aus Münster sanken die Werte von 1981 – damals war Benzin noch verbleit – bis 2016 von über die Maßen 70 auf 9 Mikrogramm pro Liter Blut. Trotz des positiven Trends besteht kein Grund für Entwarnung. Gies. Weil Bleiverbindungen krebserregend seien und das Gehirn schädigten, gebe es keine kleinster wert – jede noch so geringe Konzentration könne Schäden verursachen. Hohe Wellen schlägt momentan der Streit um Glyphosat, über dessen weitere Zulassung die EU am 9. November entscheiden könnte. Die Debatte dreht sich zurzeit nun gar darum, ob es die menschliche Gesundheit schädigt. Die Internationale Krebsforschungsagentur (IARC) in Lyon hatte die Substanz vor zwei Jahren als „wahrscheinlich krebserregend“ eingestuft.